Vor ein paar Tagen besuchte ich eine von Slow Food organisierte Konferenz zum Thema Olivenöl in Florenz. Auf dem Podium saß unter anderem Tom Mueller, ein amerikanischer Journalist, der seit vielen Jahren in Ligurien lebt und ein profunder Kenner der Olivenölindustrie ist.

Eben ist sein 2012 in Deutschland erschienenes Buch „Extra Vergine – Die erhabene und skandalöse Welt des Olivenöls“ auch auf italienisch erschienen. Vor wenigen Wochen konnte er die Ergebnisse seines Buchs dem italienischen Parlament in Rom vorstellen. Er wird nicht müde die betrügerischen Machenschaften in der Olivenölindustrie anzuprangern.

Die New York Times griff die Thematik mit einer prägnanten Infografik unter dem Titel „Extravirgin Suicide" auf. Als Informationsquelle genannt war Tom Mueller. Einige der Fakten waren allerdings schlichtweg falsch. Tom Mueller setzte sich zur Wehr und ließ wissen, dass er lediglich ein Telefonat mit dem Illustrator geführt hätte und ihm weitere Infoquellen per E-Mail zukommen habe lassen, aber niemals Autor der Veröffentlichung sei. Jetzt steht die New York Times im Kreuzfeuer der Kritik wie sie einen so schlecht recherchierten Artikel von einem Illustrator habe veröffentlichen können. Die Olivenöl-Konferenz in Florenz war eine gute Gelegenheit Tom Mueller persönlich kennenzulernen und ihm ein paar Fragen zu stellen:

Das Gold der Bauern (dgdb): Die New York Times Infografik "Extravirgin Suicide", die Sie als Informationsquelle genannt hatte, verbreitete sich in Windeseile weltweit. Damit war der nächste Skandal für die italienische Olivenölindustrie vorprogrammiert. Jetzt scheint eher die New York Times ein Problem zu haben. Was ist passiert?

Tom Mueller (TM): Die Olivenöl-Industrie ist sehr kompliziert und kann nicht auf 15 Präsentationsfolien reduziert werden. Auch wenn ich persönlich finde, dass die Infografik ästhetisch sehr gelungen ist, waren dann doch auf einigen Slides so gravierend falsche Angaben im Text, dass es die Glaubwürdigkeit des gesamten Projekts untergraben hat. Tatsächlich hat die New York Times die Fakten nicht gründlich genug gecheckt, was ziemlich ungewöhnlich für sie ist. Der Grund warum die Infografik weltweit so große Kreise zog liegt aber daran, dass sie einige Wahrheiten beinhaltet und italienische Produzenten kennen sie auch. Ein Insider aus der Olivenölindustrie sagte zu mir: „Wir wissen um diese Dinge (NB: den in der New York Times Infografik angesprochenen Betrügereien) seit Jahrzehnten. Es ärgert uns nur, wenn sie von jemandem außerhalb Italiens laut ausgesprochen werden.“

Dgdb: Sind Sie nun mit der von der New York Times, nach massiver Kritik, korrigierten Version der Infografik einverstanden?

TM: Für mich zeichnet die Infografik ein Bild, als sei die gesamte italienische Olivenölindustrie – sowohl gute als auch schlechte Produzenten – in Betrügereien verwickelt. Und das ist definitiv falsch. Was ich aber schockierender finde ist die in der Infografik angesprochene Tatsache, dass nicht italienische Olivenöle von zumeist minderer Qualität mit italienischer Flagge und italienisch klingenden Namen auf dem Etikett „legal“ so verkauft werden dürfen. Das täuscht den Verbraucher und schwächt das gesamte Image von Made in Italy und am Ende das Image von Italien selbst.

Dgdb: Olivenöl steht an der Spitze einer EU-Liste von Lebensmitteln, die am häufigsten Betrügereien zum Opfer fallen. Was muss sich ändern, um Olivenöl von dieser Liste zu bekommen?

TM: Helfen würden sicherlich strengere Vorschriften. Auch die Kontrollen müssten häufiger und gründlicher als es heute der Fall ist von den zuständigen Behörden durchgeführt werden. Ganz zu schweigen von härteren Strafen für Leute, die Olivenöl panschen oder auf andere Art damit betrügen. Würde man eine Firma, die des Betrugs überführt worden ist, für fünf Jahre den Handel mit Olivenöl verbieten oder ihre EU-Fördergelder einstellen, wäre das Problem meiner Meinung nach größtenteils beseitigt. Ein vor kurzem in Italien verabschiedetes Gesetz, genannt „Legge Mongiello“, macht auch einige Schritte in die richtige Richtung. Aber das Risiko besteht, dass das im italienischen Parlament einstimmig beschlossene Gesetz von Brüssel blockiert wird. Das wichtigste Mittel im Kampf gegen Betrug ist meiner Meinung nach ein aufgeklärter Verbraucher, der nach hochqualitativem Olivenöl verlangt. Wenn es solche Verbraucher in ausreichender Zahl gibt, dann bereinigt sich der Markt von selbst. Und echtes extra natives Olivenöl wird endlich zu einem für die Produzenten fairen Preis angeboten.

Dgdb: Sehen Sie Anzeichen, dass sich in Zukunft etwas zum Positiven ändert? Und wenn ja, welche?

TM: Ich halte das vorhin erwähnte italienische Gesetz „Legge Mongiello“ für sehr vielversprechend. Ende 2012 hat die EU einen strategischen Plan für die Olivenölindustrie formuliert und darin auch einige Schritte zu einer positiven Veränderung der jetzigen Situation mit aufgenommen. Selbst der Internationale Olivenölrat IOC, der bis jetzt eher den Status Quo protegierte, hat vor kurzem leicht angehobene Qualitätsparameter für Olivenöl verabschiedet. Deutschland drängt weiter auf strengere chemische Analysen, um die Authentizität von Olivenöl festzustellen. Federführend ist dabei Dr. Christian Gertz aus Hagen von der Deutschen Gesellschaft für Fettwissenschaft. In den USA hat die Regierung nun ein strengeres Auge auf die Qualität der Olivenöle, die ins Land importiert werden. Spanische Verbraucherschützer haben vor kurzem die Betrügereien in einigen ihrer im Supermarkt erhältlichen Olivenöle angeprangert. Am allerwichtigsten ist aber, dass in allen Ländern, die ich gerade aufgezählt habe, die Anzahl an aufgeklärten Verbrauchern wächst. Menschen, die wissen wie hochqualitatives Olivenöl riecht und schmeckt verlangen ein solches Öl vom Markt.

Dgdb: Tom Mueller, vielen Dank für das Gespräch!

Wer mehr über die Machenschaften in der Ölindustrie, aber auch über die wundervollen Geschichten rund um ehrliches und hochqualitatives Olivenöls lesen will, empfehle ich Tom Muellers Buch „Extra Vergine – Die erhabene und skandalöse Welt des Olivenöls“, 2012 im Redline Verlag erschienen. Auch auf seinem Blog Truth in Olive Oil postet Tom Mueller immer wieder interessante Neuigkeiten rund ums Thema Olivenöl.