Seit knapp 20 Jahren organisiert die Industrie- und Handelskammer von Oristano gemeinsam mit anderen sardischen Institutionen einen in italienischen Fachkreisen sehr geschätzten Olivenöltest namens „Montiferru – Premio Nazionale per l’Olio Extravergine d’Oliva“.

Mein früherer Lehrmeister und international anerkannter Olivenöl-Experte Dott. Marco Mugelli aus der Toskana half vor gut 20 Jahren diesen Preis aus der Taufe zu heben.

Eine Jury aus 12 professionellen Olivenölverkostern aus 12 Regionen Italiens (im Bild Marco Pampaloni aus der Toskana) bewertet jedes Jahr im Februar die Qualität von ca. 180 Olivenölen aus ganz Italien. Seit kurzem machen auch einige spanische Produzenten bei dem Test mit.

Einmalig beim Montiferru ist, dass die im Februar ausgezeichneten Olivenöle Ende September noch einmal auf ihre Qualität überprüft werden. Dies ist der sog. „Shelf Life Test“. Wie lange hält das Olivenöl seine Qualität im Regal bei optimaler Lagerung? Eine interessante Fragestellung, ob das Olivenöl, das im Februar gewonnen hat, immer noch auf dem obersten Treppchen steht oder ob die Qualität vielleicht stärker über die Monate nachgelassen hat als im Vergleich zu anderen Gewinnern.

Zu diesem Shelf Life Test treffen sich wieder die 12 Verkoster vom Februar in den Verkostungskabinen der Industrie- und Handelskammer in Oristano. Und bei dieser Runde durfte ich als Gast mit dabei sein. Am ersten Tag verkosteten wir binnen 5 Stunden 5 x 6 Olivenölproben. Jeder für sich in seiner eigenen Verkostungskabine. Am 2. Tag wurden die am besten bewerteten Öle des 1. Tages noch einmal verkostet und bewertet.

Jedes Öl muss auf einer Skala von 0 bis 10 (sehr gering bis sehr intensiv) nach Intensität der Fruchtigkeit, welcher Art von Fruchtigkeit (frisches Gras, Blätter, Artischocke, Karden, Tomate, Apfel, Mandel, reife Frucht, Kräuter) und auf Intensität von Schärfe und Bitternoten sowie auf die gesamthafte Harmonie bewertet werden. Alle Bewertungsergebnisse werden von jedem Verkoster in seiner Kabine in Echtzeit ins Computersystem eingegeben. Das System rechnet dann den Median der Bewertungen jedes einzelnen Öls aus.

Die Feinheiten sensorisch aus den Ölen herauszuarbeiten, die ja alle schon ein Top-Level haben, ist nicht einfach. Nach dem 12. Öl im Mund wird es WIRKLICH schwierig. Die Konzentration lässt nach, Schärfe- und Bitternoten der vorherigen Olivenöle legen sich trotz regelmäßigem Wassertrinkens, weißen Joghurt Essens, Apfelschnitzen Essens zwischen den Ölproben wie ein Film auf die Geschmacksknospen. Unter diesen Bedingungen in der Bewertung konstant und konzentriert zu bleiben ist wirklich jahrelange kontinuierliche Übungssache eines jeden einzelnen Verkosters.

Mein persönliches Fazit: Ich habe mich gefühlt wie ein sicherer Basic-Yoga-Schüler in der Profi-Klasse. Die Grundausrüstung habe ich, aber es heißt weiter trainieren, trainieren, trainieren – am besten mit Experten vor Ort. Solche Trainingsbedingungen wie dort findet man in Deutschland nicht.

Mein besonderer Dank gilt Pietro Paolo Arca, dem Präsidenten des Verkostungspanels des Montiferru-Preises und allen Teilnehmern. Sie haben mich herzlich in ihrer Mitte aufgenommen und zahlreiche wertvolle Tipps und Anregungen mit mir geteilt.