Dieses Erntejahr geht in die Geschichte des italienischen Olivenanbaus als "annus horribilis" ein.

Aufgrund des milden Winters und eines zu kühlen regnerischen Sommers wurden besonders die Oliven nord- und mittelitalienischer Olivenölproduzenten von der Olivenfliege (Bactrocera oleae) befallen. Sie sticht in die Oliven, setzt ihre Eier dort ab, aus denen sich Larven entwickeln, die ihren Appetit am Fruchtfleisch der Olive stillen. Die Folge: Die Olive fällt frühzeitig vom Baum oder ist bereits so stark oxidiert, dass daraus kein Qualitätsöl mehr entstehen kann. In einigen Regionen Italiens wie z. B. der Toskana, Umbrien und den Marken gab es deshalb Ernteausfälle bis zu 80 % im Vergleich zum Vorjahr. Fast alle Bio-Produzenten in diesen stark betroffenen Regionen mussten sogar einen kompletten Ernteausfall hinnehmen. „Ich kann mich in meinem ganzen Leben nicht daran erinnern, so etwas schon einmal erlebt zu haben“, meinte ein über 80-jähriger Olivenölproduzent kopfschüttelnd zu mir, als ich Ende November in die Toskana reiste. Der Klimawandel macht sich bemerkbar.

Auch mein toskanischer Produzent Nico Sartori von der Fattoria Altomena hat einen Totalausfall dieses Jahr zu verschmerzen. Ich hoffe sehr, sein hervorragendes Olivenöl nächstes Jahr wieder im Programm zu haben.

Herrliches Öl aus der Toskana konnte ich trotzdem beziehen, allerdings aus den oben geschilderten Gründen nicht in Bio-Qualität. Die Brüder Simone und Paolo di Gaetano von Fonte di Foiano in der Nähe des Weinliebhabern wohlbekannten Ortes Bolgheri gehen seit einigen Jahren konsequent den Weg der Spitzenqualität. Dafür sind sie vor kurzem von dem internationalen Olivenölführer FLOS OLEI zur „Emerging Farm“ des Jahres 2015 gewählt worden. Ihr intensiv fruchtiges Olivenöl erreicht Spitzenwerte an antioxidativ und entzündungshemmend wirkenden Polyphenolen.

Sizilien wurde dank eines ausreichend heißen Sommers von der Olivenfliegenplage verschont. Allerdings lagen die Erträge trotzdem fast ein Drittel unter denen des Vorjahrs. Der Grund waren schlechte klimatische Bedingungen während der Blütezeit der Bäume.

Die Familie Librandi in Nordkalabrien, seit 1997 komplett biologisch arbeitend, hatten weniger Olivenfliegenbefall wie in der Toskana und konnten die Ernte durch frühzeitige und schnelle Ernte – bevor die nächste sich multiplizierende Generation an Olivenfliegen zuschlagen konnte – gut einfahren. Im Januar erschien ein sehr lesenswerter Artikel über sie in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT, den Sie hier lesen können.

Mauro Altomare aus Apulien hatte mit der Olivenfliege zu kämpfen, erntete aber auch wie seine kalabrischen Kollegen früher und dieses Jahr maschinell, um binnen kürzester Zeit die gesamte Ernte eingebracht zu haben. So ist sein Olivenöl auch dieses Jahr von Top Qualität, allerdings etwas weniger kräftig im Vergleich zum Vorjahr. Letztes Jahr hatte ich seine Cuvée aus 70 % Coratina und 30 % Peranzana Oliven, weil ein sortenreines Coratina-Olivenöl – wenn es denn Spitzenqualität ist - ein sehr intensives Olivenöl gibt mit sehr kräftigen Bitternoten und anhaltender pfeffriger Schärfe. Ein Hochgenuss, aber in Deutschland, im Land von Butter und fast geschmacksneutralen Saatenölen - nicht ganz einfach zu vermitteln. Dieses Jahr habe ich mich für seine sortenreine Coratina entschieden, die etwas milder ausgefallen ist im Vergleich zum Vorjahr, aber immer noch gut „Power“ hat.

Viel Freude mit den Olivenölen der neuen Ernte wünscht Ihnen

Michaela Bogner