In der Ausgabe test 2/2016 veröffentlichte Stiftung Warentest einen Testbericht über Olivenöle mit Herkunftsangaben. 26 Olivenöle wurden auf Schadstoffe, Herkunft, Etiketten-Deklaration und Geschmack geprüft. Die Hälfte der Olivenöle wurde als mangelhaft eingestuft.

In allen 26 getesteten Ölen fanden sich damals Spuren gesättigter Mineralöl-Kohlenwasserstoffe (MOSH). Auch im sensorisch mit "sehr gut" ausgezeichneten Bio-Olivenöl Agrestis Nettar’Ibleo DOP Bio der Ernte 2014/2015 wurde ein erhöhter MOSH-Wert (62 mg/kg) mit Kettenlängen über 25 Kohlenstoffatomen festgestellt. Keine Werte, die ein gesundheitliches Risiko darstellen würden (so Stiftung Warentest im Kleingedruckten), aber eben erhöht. Aufgrund dieser Laborergebnisse und aufgrund von Deklarationsmängeln (Etikett nur in italienischer und englischer Sprache, Schrift zu klein, etc.) wurde das Olivenöl Agrestis Nettar’Ibleo DOP Bio Ernte 2014/2015 (Haltbarkeitsdatum auf der Flasche 30/11/2016) damals als mangelhaft (5,4) eingestuft und auf den letzten Platz im Test verwiesen.

Was hat es mit den MOSH-Werten auf sich?
Aufgrund eines relativ neuen und verfeinerten Analyseverfahrens, um MOAH- und MOSH-Werte in Lebensmitteln aufzuspüren, kommt es in letzter Zeit zu sehr häufigen Funden dieser Substanzen in Lebensmitteln, besonders in Speisefetten und –ölen, in denen MOSH-Werte zwischen 60 mg/kg bis zum Teil 700 mg/kg laut Aussage der Deutschen Gesellschaft für Fettwissenschaft DGF keine Seltenheit sind. Gesättigte Mineralöl-Kohlenwasserstoffe (MOSH) mit Kettenlängen von über 25 Kohlenstoffatomen – und in diesen Bereichen und höher liegen die bei Agrestis getesteten Werte – haben laut Europäischer Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA kein kanzerogenes Potential, können sich aber im Körper anreichern und sind darum zu vermeiden. Aktuell gibt es jedoch keine gesetzlich geltenden Grenzwerte. Stiftung Warentest setzt sich beim Test seine eigenen Richtlinien.

Wut und Italien-Bashing fehl am Platz
Dank reißerischer Schlagzeilen (das teuerste Bio-Olivenöl auf dem letzten Platz - in allen Ölen Mineralölrückstände etc....), mit denen sich Stiftung Warentest größtmögliche Aufmerksamkeit sicherte, kam beim Endverbraucher wohl folgende Botschaft an, die mir ein erboster Kunde so schrieb: „....für 40 Euro pro Liter möchte ich ein einwandfreies Olivenöl aus Sizilien genießen und keinen mangelhaften Benzinverschnitt. Dass Sie das schlechteste und teuerste Öl aus dem Test anbieten und wir Trottel Ihnen auf dem Leim gegangen sind, werden wir nicht vergessen. Es waren wie immer unsere Freunde aus Italien, diese ewigen Panscher, die diese Nummer wieder hingezaubert haben, grüßen Sie die Leute von Agrestis. Wir haben diesen Dreck heute Abend zum Müll gefahren.“

Die wahre Ursache
Zwölf Monate später, nachdem Agrestis rund 15.000 Euro in Analysen investiert hat und erheblichen Image-Schaden verzeichnen musste, wissen wir nun was die Ursache für die damalige MOSH-Verunreinigung war. Darüber berichtete MERUM, das Fachmagazin für Wein und Olivenöl aus Italien in seiner Ausgabe 01/2017. Herausgeber Andreas März schreibt:

„Doch es waren keine Panscher am Werk. Wut und Italien-Bashing sind ebenfalls fehl am Platz. Am Ende ist die Erklärung für die MOSH-Kontamination des getesteten Agrestis-Öls ganz einfach: Der sizilianische Biobetrieb hat letzten Herbst zwei Proben des neuen Öls zum Institut Kirchhoff in Berlin gebracht, dasselbe Labor, das dem Vernehmen nach die Untersuchungen für Stiftung Warentest gemacht hatte. Eine der Flaschen war mit einem Schraubverschluss, die andere mit demselben synthetischen Korken verschlossen, der ein Jahr zuvor für das beanstandete Öl verwendet worden war.

Während das Öl mit dem Schraubverschluss auch nach drei Tagen Stresstest bei 60°C keinerlei Auffälligkeiten zeigte, lag der Wert bei der Flasche mit dem Plastikstöpsel sofort hoch (55 mg/kg C20-C35) und stieg nach drei Tagen bei 60°C gar auf 109 Milligramm pro Kilo. Diese Plastikteile scheinen es wirklich in sich zu haben…

Gesetzliche Grenzwerte für MOSH gibt es keine, doch steht in einem Entwurf von 2014 für eine neue Mineralölverordnung unter anderem, dass Lebensmittelbedarfsgegenstände nur verkehrsfähig sind, wenn der Übergang von MOSH (C20-C35) nicht mehr als zwei Milligramm pro Kilo beträgt. Ganz offensichtlich sollten diese Plastikstopfen für Öl gar nicht verwendet werden.

Für den laut Untersuchung schuldigen Stopfen – Linea Distilleria – liegt Merum eine Erklärung der produzierenden Firma Rapari vor, die die Abwesenheit von Mineralölen und -wachsen bezeugt und gleichzeitig ausdrücklich die Eignung für Destillate, Öle und Essig bestätigt.“ ...

„Anhand der vorliegenden Informationen und Dokumente kommt die Merum-Redaktion zum Schluss, dass dem sizilianischen Olivenöl-Produzenten Agrestis keine Nachlässigkeiten und schon gar nicht sträfliches Verhalten vorgeworfen werden können. Agrestis trifft keinerlei Schuld an der von Stiftung Warentest angeprangerten MOSH-Verunreinigung.

Die bedenkliche Quintessenz: Selbst wenn der Produzent alle Vorsichtsmaßnahmen ergreift, liegt es nicht in seiner Macht, sich gegen solche Fälle zu schützen. Dass nun aber das von Stiftung Warentest erbrachte Bauernopfer dazu dient, die Zulieferfirmen in die Pflicht zu nehmen, ist eher unwahrscheinlich.“

Dieser Meinung schließe ich mich an. Denn von Stiftung Warentest durchgeführte Tests in solchen Bereichen wecken deutlich geringeres Interesse beim Endverbraucher. Und somit sinken automatisch die Verkaufszahlen des von Stiftung Warentest herausgegebenen Hefts. Ökonomisch vollkommen nachvollziehbar. Aber erwarten wir uns von einer Institution wie Stiftung Warentest nicht etwas anderes? Von wirtschaftlichen Faktoren unabhängige Berichterstattung? Mein Vertrauen in Testergebnisse der Stiftung Warentest und die Form der Berichterstattung darüber sind aufgrund dieser Vorkommnisse auf jeden Fall erheblich ins Wanken geraten....

Dank an Andreas März für die freundliche Genehmigung des Abdrucks einzelner Textpassagen des Artikels „Stiftung Warentest: „Mineralöl in Bioöl – Die Ursache“ aus der Zeitschrift MERUM, Ausgabe 1/2017.