In regelmäßigen Abständen nimmt sich Stiftung Warentest dem Thema Olivenöl an. Und regelmäßig werden die Testergebnisse mit auf Sensation getrimmte Schlagzeilen kommuniziert. Die aktuellen lauten: Discounter-Öle von Aldi und Lidl sind ganz vorne beim Test mit dabei, überholen sogar Premium-Produkte, die das Fünffache und mehr kosten. Reicht’s also doch weniger als sieben Euro für einen Liter gutes Olivenöl auszugeben? Das ist meine Meinung dazu...

Es kommt darauf an, was ich von einem Lebensmittel, das ich einkaufe und verzehre erwarte.

Reicht es mir nicht, dass ein Lebensmittel frei von Schadstoffen ist sondern habe ich höhere Ansprüche an dessen Geruch und Geschmack, weil diese für mich ein Stück Lebensfreude bedeuten?

Ist es mir wichtig, Lebensmittel zu verzehren, die meiner Gesundheit gut tun?

Bin ich der Meinung, dass meine Kaufentscheidung Einfluss darauf nimmt unter welchen Bedingungen für Mensch und Natur ein Lebensmittel produziert wird?

Will ich mit meiner Kaufentscheidung Qualitätsproduzenten dabei unterstützen, die Vielfalt von Pflanzen, Tieren und regionaltypischen Produkten zu erhalten?

Wenn Sie diese Fragen mit „nein“ beantworten, dann reicht Ihnen ein industriell gefertigtes Massenprodukt vom Discounter oder Supermarkt und Sie sparen in der Tat Geld. Ob es wirklich eine Menge Geld ist hängt davon ab, ob Sie einen oder zwanzig Liter Olivenöl pro Jahr verbrauchen. Der Durchschnittsverbrauch eines Deutschen liegt bei einem Liter.

Wenn Sie die Fragen mit „ja“ beantworten, wie ich das für mich persönlich tue, dann geben Sie mehr Geld für Lebensmittel aus, weil sie Ihnen das wert sind.

Was mir die Testergebnisse von Stiftung Warentest jedes Mal wieder vor Augen führen: Die 1991 nach EU-Verordnung festgelegte höchste Warenkategorie „nativ extra“ hat völlig seine Bedeutung verloren. Der größte Teil aller in Deutschland verkauften Olivenöle trägt dieses „Gütesiegel“, egal ob es sich um ein Massenöl von einem industriellen Abfüller handelt oder um ein Öl von einem auf höchstem Qualitätsniveau arbeitenden Qualitätsproduzenten. Und besonders in diesem kleinen Sektor gab es in den letzten Jahren rasante Qualitätsentwicklungen, die die aktuelle EU-Verordnung völlig außer Acht lässt.

Eine andere Fragen, die sich mir beim Lesen der Testergebnisse aufdrängt: Wie kann es sein, dass das zur sensorischen Prüfung der Öle eingesetzte Verkosterpanel ein paar der Supermarkt- und Discounter-Öle (sensorisch zwischen 1,9 und 2,4 bewertet) nicht allzu weit weg verortet von hocharomatischen Top-Ölen, wie das vom aktuellen Sensorik-Gewinner Castillo de Canena (mit 1,4 bewertet)? Für mich liegen da Welten dazwischen. In den Ausführungen zur Methodik des Tests heißt es, dass das Panel beim Internationalen Olivenölrat (International Olive Council - IOC) akkreditiert ist und nach der Olivenölverordnung EWG NR. 2568/91 geprüft hat.

Meine Vermutung ist, dass die eigentlich sehr strengen sensorischen Vorgaben der EU-Verordnung, nämlich dass ein Olivenöl der Warenkategorie nativ extra keinen noch so kleinen sensorischen Fehler aufweisen darf, in der Praxis von an Massenöle mit kleineren und durchaus auch mal größeren sensorischen Fehlern gewöhnte Verkosterpanels recht tolerant ausgelegt werden. Es ist eine mit viel Mühe und Arbeit verbundene Kunst ein reintöniges fehlerfreies Olivenöl herzustellen. Und Öle, die mit so viel Mühe und Arbeit produziert wurden, gibt es weder in großen Discounter tauglichen Massen und schon gar nicht für unter sieben Euro pro Liter, in Bio-Qualität schon zweimal nicht.

Ich bin mir sicher, dass es die bei Stiftung Warentest als sensorisch mit „gut“ bewerteten Supermarkt- und Discounter-Öle bei einem Olivenölwettbewerb von qualitativ hochwertigen Produzentenölen nicht einmal in die zweite Runde geschafft hätten.

Gespannt bin ich darauf, was Andreas März und sein Redaktionsteam von MERUM zu den Testergebnissen sagen werden. Sie werden sich auf jeden Fall der Sache in Heft 2/2020 annehmen.

(Bildnachweis: Das Gold der Bauern)